5.2 Filmen bei Demos und Aktionen

Warum Filmen bei Aktionen ?

Es gibt verschiedene Gründe, eine Aktion zu dokumentieren. Der wichtigste ist wohl, damit Informationen verbreiten zu können. Eine wichtige Frage ist aber: ist es wirklich nötig, über jede Demo ein Video zu machen? Oft reicht es, einen Artikel zu schreiben und ein Foto dazu zu machen. Nicht immer erzeugen Videos einen Mehrwert.
Ein anderer Grund zu filmen ist, um Material für einen längeren Film zu sammeln, z.B. für eine bestimmte Kampagne oder rund um ein bestimmtes Thema.
Ein dritter wichtiger Grund ist, um DemonstrantInnen / AktivistInnen gegen Polizeigewalt zu schützen oder selber Beweismaterial über den Ablauf des Geschehens zu sammeln. Es ist erwiesen, dass Medienpräsenz helfen kann, Polizeigewalt zu mindern. Und es ist schon häufig vorgekommen, dass von Video-AktivistInnen gedrehtes Videomaterial in einem Strafverfahren jemanden entlasten konnte.

Es ist wichtig, sich schon im Vorfeld zu überlegen, was mit dem aufgenommenen Material passieren soll. Davon hängt die Art des Filmens ab. Soll es dem EA als Beweismaterial dienen? Dann ist es wichtig, nicht ausgedehnt alles zu filmen, sondern am besten mit mehreren Leuten einen möglichst guten Überblick zu haben und schnell auf brenzlige Situationen reagieren zu können. Soll das Material schnell ins Internet gesetzt werden, z.B. auf indymedia? Dann ist es gut, möglichst zielgerichtet zu filmen, um hinterher nicht so viel zeitintensive Arbeit beim Schneiden zu haben. Wenn über die Demo eine ausgedehntere Reportage gemacht werden soll, ist es wichtig, neben einem allgemeinen Überblick über die Grösse der Demo auch die Details nicht zu vergessen. Das können Transparente sein, Plakate, ein Redebeitrag, das Rufen von Parolen, etc.

Am besten ist es, sich vorher schon über eine Demo informiert zu haben, z.B. auf einer Vorbereitungsveranstaltung. Einfach bei einer Demo / Aktion vorbeischneien kann falsch rüberkommen. Durch eine angemessene Vorbereitung ist es auch einfacher, sich passende Interview-Fragen zu überlegen.

Immer genug leere Tapes mit auf die Demo oder Aktion nehmen, auf denen keine andere Aufnahmen drauf sind! Und immer genug Leertapes, um ein Tape ggf. schnell wechseln und 'entsorgen' zu können. Das Tape kann dann z.B. einer Person mitgegeben werden, die es verantwortlich und sicher wegtransportiert, während wir selber mit einem neuen Tape weiterfilmen können. Wenn nichts mehr geht, das Tape, auf dem eine brenzlige Situation drauf ist, besser wegschmeissen als es der Polizei zu überlassen.

Es ist sicherer, auf einer Demo zu zweit zu filmen. Während eine/r sich auf das Filmen konzentriert, kann der/die andere sich nach interessanten Bildausschnitten oder Interview-PartnerInnen umschauen, aber auch darauf achten, ob sich von hinten Gefahr nähert (in Form von Polizei, Nazis, etc.)

Manchmal wird von der Demoleitung gefordert, dass sich Fotografen bei ihnen melden (es werden Armbinden ausgegeben). Damit wird versucht, einen Überblick zu bekommen, welche Medien vertreten sind, um später gezielt nachschauen zu können, wie die Berichterstattung gewesen ist. Ausserdem fällt durch die Legitimation von FotografInnen und FilmerInnen schnell auf, wer nicht legitimiert ist (das können z.B. Zivis oder Nazis sein). Diese können von DemonstrationsteilnehmerInnen dann direkt darauf angesprochen werden.

Wenn sich jemand in der Demo angemacht fühlt durch deine Kamerapräsenz und du es persönlich mitkriegst, solltest du dieser Situation nicht ausweichen (nach dem Motto: ach, wann seh ich den oder die schon wieder. Oder: hier sind so viele, da macht die oder der doch nichts aus). Am besten Hingehen und ihm/ihr den Auschnitt mit den Aufnahmen zeigen und ggf. vor seinen/ihren Augen löschen. Das hinterlässt auch bei andern, die das mitkriegen, einen positiven Eindruck. Es sind Menschen, die wir filmen. Also: Respekt!!! Penetrant abfilmen kann doch die Polizei.

Um bei Demos möglichst wenig Gesichter aufzunehmen und trotzdem den Menschenfluss visuell stark zu machen, kann die Kamera z.B. in die Mitte der Demo plaziert werden. In die Zielrichtung der Bewegung gucken (zu sehen sind dann nur die Rückseiten der Menschen, bleibt aber stark).

Im Umgang mit der Polizei hilft es, einen Presseausweis zu haben und sich professionell zu geben.(*) Konfrontation ist hier unangebracht, vor allem, wenn mensch brisantes Videomaterial bei sich hat. Ein Lächeln und ein Schwätzchen oder ein kollegiales Nicken im Vorfeld können eine spätere Eskalation vermeiden. Nicht auf Gesprächsaufklärung und taktische Informationen reinfallen. Lieber mal nach dem Pressesprecher fragen.
Normale Strassenkleidung; keine linken Symbole tragen. Eine gelbe Signalweste mit Aufdruck "Presse" hilft, in Riotsituationen als neutrale Person erkennbar zu sein. Nicht die ganze Zeit innerhalb der Demo laufen hilft auch.
Wenn die Polizei eine Personalienkontrolle durchführt, dann meist mit der Begründung, dass eine nicht erlaubte "Porträtaufnahme" gemacht worden ist. Aber: die Anfertigung einer Porträtaufnahme von PolizistInnen ist legal. Die Weitergabe oder Veröffentlichung mitunter nicht. Sie begründen dann ihre Kontrolle damit, dass sie eine eventuelle Veröffentlichung zuordnen können wollen. Anbieten, die Aufnahme zu löschen, bevor die Kontrolle stattfindet. Höflich und kooperativ sein, aber auf Augenhöhe mit der Polizei arbeiten. Du bist freieR JournalistIn, keinE DemonstrantIn. Du bist nicht verpflichtet, Auftraggeber zu nennen. Du machst die Aufnahmen im Zweifel nur für dein privates Archiv. Nicht zu viel schwatzen, darauf drängen, weiterarbeiten zu können. Die Kontrollen finden meist in dem Moment statt, wenn was Interessantes zu filmen wäre. indymedia geht die Polizei nichts an, keine Angaben, keine Ahnung, jaja und tschüss.
Und: du bist auf keinen Fall von indymedia. Wenn du was mit indymedia zu tun hast, dann veröffentlichst du bei indymedia. indy ist eine offene Distributionsplattform, offen für (fast) alle.
Als FotografIn oder FilmerIn auf Demos exponiert mensch sich auf jeden Fall. Damit sollte mensch rechnen, und sie werden sich das Gesicht merken.
Es ist wichtig, Kamera und Zubehör in gewissen Situationen schnell im Rucksack verschwinden zu lassen und zum Passanten zu werden. Auch sollte stets die Möglichkeit bestehen, das Videomaterial schnell zu 'entsorgen'.

Archivmaterial grundsätzlich nicht in der eigenen Wohnung oder im Szeneumfeld lagern und zu dem Thema auch am Telefon nichts erzählen, ausser aus taktischen Motiven.

Direkte Aktionen ohne Polizeipräsenz sind was ganz anderes. Lass dich nicht erwischen. Bleibe mental unabhängig von den AktivistInnen und mach keine Dummheiten. Niemanden in die Pfanne zu hauen, ist journalistisch selbstverständlich. Vor allem nicht deine InformantInnen oder ProtagonistInnen. Da muss mensch auch mal pixeln oder wasauchimmer. Von der Aktion hast du dritten gegenüber nur zufällig gehört. Du bist generell niemandem zu weiteren Angaben verpflichtet. Gehe davon aus, dass die Behörden dich kennen und beobachten.
Du dokumentierst als einzigeR eine einmalige, historisch wichtige Aktion. Wenn du von deinem Material einen Clip veröffentlichst, dann nur als Nebenprodukt. Dein eigentliches Ziel ist, Geschichte zu schreiben. Du arbeitest an einem längeren, unabhängigen und journalistisch ausbalancierten Dokumentationsprojekt. Dagegen kann niemand was sagen.

Beim letzten Punkt wird auch ein Spannungsfeld angesprochen: versteht sich ein/e Video-AtivistIn als AktivistIn oder BeobachterIn?
Das ist ein Spannungsfeld, über das sich viele VideoaktivistInnen beim Filmen einer Demonstration oder Aktion auseinandersetzen müssen: Stelle ich mich zwischen 'meine' Leute oder nehme ich ganz bewusst einen gewisse Abstand ein, um das, was gerade passiert, festzulegen. Das Dokumentieren von Aktionen ist eine Verantwortung, die wir uns bewusst machen sollten. Mit dieser Verantwortung sollten wir uns nicht leichtfertig der Repression aussetzen.