1.4 Kameraführung

Kamerabewegung

Standbild

Das Standbild ist die Nicht-Bewegung der Kamera bei einer Aufnahme und die Ausgangsbasis für alle Kamerabewegungen.

Es ist eine ruhige Einstellung, die dem Zuschauer Übersicht gibt über den Raum und Basis-Informationen liefert. Auf den ersten Blick scheint es die langweiligste Einstellung zu sein, weil nichts passiert. Oft wird gedacht, "Video ist bewegtes Bild, wenn sich also nichts vor der Kamera bewegt, dann bewege ich die Kamera". Beim Schnitt fällt aber auf, wie oft ruhige Einstellungen, Standbilder gebraucht werden, z.B. als Übergangsbild zwischen zwei Szenen. Ein häufig gemachter Fehler ist dementsprechend auch, nicht genügend Standbilder aufzunehmen. Beim Schneiden stehen dann lediglich Kamera-Bewegungen zur Verfügung. Beim Standbild ist es wichtig, auf eine ausgewogene Bildkomposition zu achten: was im Bildausschnitt zu sehen ist und was nicht.

Das Standbild als Ausgangspunkt für alle anderen Kamera-Bewegungen: eine Bewegung muss einen Anfangs- und einen Endpunkt haben. Beim Schnitt (also der Aneinanderreihung von einzelnen Szenen) wird ein stabiles Anfangs- und Endbild gebraucht. Deshalb vor einer Bewegung und danach ca. 5 Sekunden Standbild aufnehmen! Der Grund dafür ist, dass Kamerabewegungen auch eine bestimmte Information liefern: das ist Filmsprache, die wir alle durch jahrelange Übung (Fernsehen und Filme gucken) kennen. Die Kamera-Bewegung zeigt nicht allein bestimmte Bilder, sie führt den Zuschauer auch irgendwo hin, sie steuert die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt. Die Geschwindigkeit, mit der eine Bewegung ausgeführt wird, gibt einen bestimmten Spannungsbogen wieder.

Das Beispiel zeigt, dass ein Standbild nicht langweilig sein muss, und dass Bewegung auch vor der Kamera stattfinden kann.


Schwenk

Der Schwenk ist die Bewegung der Kamera von einem festen Punkt zu einem anderen. Er ist die häufigste Bewegung. Jeder Schwenk muss aber seine Notwendigkeit haben. Sonst wird dem Zuschauer ein zielloses Rumsuchen vermittelt. Der Schwenk kann Übersicht geben über den Raum, in dem sich eine Handlung abspielt. Er kann einen Eindruck geben von der Grösse eines Geländes oder Gebäudekomplexes. Er kann benutzt werden, um einem sich bewegenden Objekt (Menschen, Tiere, Autos) zu folgen. Dabei sollte das verfolgte Motiv im ersten Drittel des Bildes sein, sonst sieht es so aus, als ob es vor eine Wand laufen würde. Es ist auch wichtig, dass Objekt zu einem bestimmten Zeitpunkt auch wieder loszulassen, aus dem Bild verschwinden zu lassen. Folge einer Person nicht unendlich lange! Am Schnittplatz merkst du wieder, warum: du brauchst einen festen Endpunkt, um zu schneiden, um eine Szene abzuschliessen. (Das gilt natürlich auch für den Anfang.)

Die Geschwindigkeit von Schwenks vermittelt ein bestimmtes Gefühl: dadurch wird bestimmt, welches Tempo der Film hat. Ein schneller Schwenk baut für den Zuschauer Spannung auf. Er konfrontiert Gegner miteinander oder zeigt eine plötzliche Wendung im Geschehen an. Ein langsamer Schwenk verzögert das Tempo; der Zuschauer bekommt die Zeit, sich im Raum zu orientieren.

Wenn das Video auf Musik geschnitten werden soll, ist es wichtig, die Geschwindigkeit der Kamera-Bewegungen an die Musik anzupassen. Langsame atmosphärische Schwenks passen nicht zu Musik mit schnellem Rhytmus und umgekehrt.

Ein Schwenk muss sitzen: wenn du zum Endpunkt schwenkst, solltest du diesen auch anvisieren und nicht 'durchschiessen', um danach wieder ein Stück zurückzuschwenken. Diese Bewegung kann natürlich bewusst eingesetzt werden, z.B. um eine Suche darzustellen; ansonsten macht das Durchschiessen aber einen unprofessionellen Eindruck.

Ein Schwenk sollte auch eine konstante Geschwindigkeit haben und von Anfang bis Ende gleichmässig auf einer geraden Linie durchgeführt werden. Auch hier gilt: von den Regeln kann natürlich abgewichen werden, aber dann sollte es ein Bewusstsein dafür geben, welchen Effekt das auf die Zuschauer hat.

Schau dir das Beispiel an und üb selber.



Zoom

Der Zoom bewirkt eine Erweiterung oder Verengung des Bildausschnittes. Mehrere Zoom-Bewegungen hintereinander sind ähnlich verwirrend wie mehrere Schwenkbewegungen mit der Kamera. Der Zoom ist eine Kamera-Bewegung, die eigentlich unnatürlich ist: das menschliche Auge kann nicht zoomen. Das Auge bewegt sich von einem Punkt zum andern und stellt scharf. Darum sollte den Zoom sparsam verwenden und besser den Standort der Kamera verändern!

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein bestimmtes Detail zu richten. Klassisch ist eine Abfolge von Standbildern, jede Aufnahme ein Stückchen näher dran am Objekt, dass das Interesse wecken soll. Oder die Kamera fährt näher an das Objekt ran.

Seit es Linsen gibt, mit denen gezoomt werden kann, ist der Zoom die andere Möglichkeit, um ein bestimmtes Detail hervorzuheben. Durch Auszoomen kann natürlich auch das Gegenteil erreicht werden. Die Kamera geht weg vom Detail und stellt einen grösseren Zusammenhang dar.

Auch beim Zoom ist die Geschwindigkeit, mit der er ausgeführt wird, wichtig. Die Geschwindigkeit muss zum Tempo des Videos passen (und zur Musik!). Und die Geschwindigkeit trägt auch zur Story bei, sagt etwas aus in der Filmsprache.

Der Zoom sollte gleichmässig in der Geschwindigkeit sein, mit der er ausgeführt wird, und nicht durchschiessen. Es kann passieren, dass das Endbild unscharf wird, wenn eingezoomt wird, darum erst ausprobieren. Viele kleine Digitalkameras haben einen Zoomhebel, der sehr klein ist und oft hektisch reagiert. Das macht das gleichmässige Zoomen zu einer Übungssache.

Stark eingezoomte Motive sind ohne Stativ schwierig stabil zu filmen. Mehr darüber in dem Kapitel 'Optischer und digitaler Zoom'.

Schau dir das Beispiel an und üb selber.

In der Filmsprache ist es nicht logisch, mehrere Zooms hintereinander zu schneiden. Denn mit einem Zoom soll ja die Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet werden. Und beim nächsten Zoom ist doch wieder etwas anderes wichtig?! Beim Schnitt sind also Zwischenbilder nötig, und die müssen aufgenommen werden!


Fahrt

Die Kamerafahrt ist eine natürliche Kamera-Bewegung, die Kamera wird von ihrem Platz wegbewegt. Der Zuschauer bekommt den Eindruch, selber in Bewegung zu sein oder durch die Augen des Protagonisten zu sehen, der sich bewegt. Vor allem bei statischen Motiven ist die Kamerafahrt interessant, weil damit die Perspektive verändert wird. Vorwärtsbewegungen führen in ein Geschehen ein, Rückwärtsbewegungnen distanzieren den Zuschauer eher vom Geschehen.

In der Filmwelt wird mit Rollstativen oder kleinen Kamerawägen (Trollies) gearbeitet, die sich auf Schienen befinden und dadurch gleichmässig bewegt werden können. Es gibt keine Unebenheiten auf dem Weg, die mit der Hand ausgeglichen werden müssen. Solche Hilfsmittel haben wir meistens nicht zur Verfügung und müssen uns daher nach Alternativen umsehen. Das kann z.B. ein Einkaufswagen sein oder eine Aufnahme aus einem fahrenden Auto (darauf achten, dass die Scheiben sauber sind!). Wenn das Objektiv dicht vor die Scheibe gehalten wird, vermeidet man Spiegelreflexe (dann ist die Kamera zu sehen und die Person hinter der Kamera).

Aufnahmen aus einem Zug können auch sehr stabil gemacht werden. Dabei werden die Aufnahmen besser, wenn schon im Bahnhof ein Zugfenster von aussen sauber gemacht worden ist oder das Fenster während der Fahrt geöffnet wird. Allerdings kommen bei Aufnahmen aus dem Zugfenster auch die Masten ins Bild, die die Oberleitung tragen. Sie sind als schwarze Blitze zu erkennen. (Durch eine Audio-Aufnahme des Geräusches des fahrenden Zuges und späteren Einfügens beim Schnitt erkennt der Zuschauer besser, wo er sich befindet und warum die Blitze im Bild sind.)

Bei Aufnahmen mit einem Wagen oder Auto, ist es klar, dass zu zweit gearbeitet werden sollte. Dann kann sich der/die eine auf die Fahrt konzentrieren und der/die andere auf die Aufnahmen. Aber auch wenn Aufnahmen beim Laufen gemacht werden, ist es praktisch, eine zweite Person dabei zu haben. Diese kann auf Unebenheiten und Hindernisse auf dem Weg achten. Das gilt vor allem dann, wenn rückwärts gelaufen werden muss. Vor den ersten Aufnahmen beim Laufen erstmal üben, denn es ist ziemlich schwierig, dabei nicht allzusehr zu wackeln.

Darüber beachten, dass es sehr schwierig ist, eine Fahrt gleichmässig hinzukriegen, wenn stark eingezoomt ist! Jede Ungleichmässigkeit wird genauso vergrössert wie das Motiv, auf das eingezoomt ist.

Die Fahrt wird oft benutzt, um in Filmsprache die Bewegung von einem Ort zum andern abzubilden; ein Klassiker ist natürlich das Road-Movie.

Beispiel


Kombinationen

Einige Kamera-Bewegungen können kombiniert werden, z.B. gleichzeitiges Ein- oder Auszoomen beim Schwenken. Das erfordert in der Praxis allerdings einige Trockenübungen, um darin sicher zu sein.


Allgemeines :

Für jede Kamera-Bewegung gilt: vor der Aufnahme erstmal trocken durchführen. Damit vergrössert sich die Wahrscheinlichkeit, gute Aufnahmen zu machen.

Bei Unsicherheit, ob die Aufnahme gut geworden ist oder ob z.B. ein Schwenk die richtige Geschwindigkeit hat, besser die Aufnahme wiederholen und z.B. die Geschwindigkeit variieren.